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Für 70 Schiffe war Lüneburg Heimathafen

Zur Blütezeit der Ilmenau-Schiffahrt (in der Landeszeitung v. 4.12.1975)

Für 70 Schiffe war Lüneburg Heimathafen

Zur Blütezeit der Ilmenauschifffahrt hatten etwa 70 Schiffe in Lüneburg ihren Heimathafen. Die dreifach gegliederte Gilde der Schiffer gehörte zu den 32 Zünften der Stadt. Neben den „Eichenfahrern“, die Salz und andere Handelsgüter nach Lübeck brachten und Holz als Rückfracht hatten, gab es die „Böter“, die elbabwärts im Verkehr mit Hamburg eingesetzt waren, und die „Hafenfahrer“, die von Stade Getreide für die Versorgung der Stadt nach Lüneburg holten.
Unmittelbar am Hafen hatten die Schiffer einen kleinen Abschnitt des Stadtwalls zu bewachen und im Kriegsfall zu verteidigen, an den heute noch die Straßenbezeichnung „Schifferwall“ erinnert. In der nahen Nikolaikirche, nach ihrem Schutzpatron, dem heiligen Nikolaus, benannt, hatten die rauhen Fahrensleute ihr Gotteshaus. Hier befindet sich die Nachbildung eines Ilmenau-Ewers mit seinem geschwellten Segel. Die schlanke Spitze des Nikolaikirchturms trägt eine Krone, das Kennzeichen der Schifferkirchen.
Im 17 Jahrhundert war es vorbei mit Lüneburgs Stapelrecht, das zusammen mit der Saline und dem Kalkberg Lüneburgs Wohlstand im Mittelalter begründet hatte. Die wirtschaftliche und politische Entwicklung ging über dieses Recht hinweg, demzufolge alle Waren, die Lüneburg zu Wasser oder zu Lande passierten — und war es auch nur auf der Elbe die Ilmenaumündung — drei Tage lang in der Stadt „gestapelt“, d. h. zum Verkauf ausgelegt werden mußten.
Der beginnende Welthandel, der sich auf Hamburg konzentrierte, drängte Lüneburg ins Abseits. Der Salinenbetrieb ging zurück. Lüneburgs Schiffahrt lag darnieder. Sie blühte wieder auf, als im 18. Jahrhundert Lüneburg für den Stückgüterumschlag von der Straße auf das Wasser Bedeutung gewann. In dieser Zeit entstand das Kaufhaus an der Ilmenau mit seinem vom holländischen Barock beeinflußten Ziergiebel (1731—1748) und wurde der schon 1346 erwähnte Kran erneuert (1797). Dieser Kran hob die erste Lokomotive aus England für die Braunschweiger Eisenbahn an Land — unter dem Seufzen und Stöhnen der Männer, die das Räderwerk im Innern des Krans durch eine Tretmühle in Bewegung setzten.LG-Hafen
Die Eröffnung des Ilmenaukanals zwischen Wittorf und Horburg (1883) verkürzte den Flußlauf um 6 km. Damals wurden jährlich etwa 250 000 Zentner flußabwärts transportiert. Danach begann Lüneburgs Ilmenauschifffahrt unter der Konkurrenz von Schiene und Straße dahinzusiechen.
Dort wo die Wasser der Ilmenau und des Lösegrabens sich vereinigen, steht heute noch die „Warburg“, deren Name es irgendwie mit „bewahren“ zu tun hat. „Anno Domini 1663″ liest man an dem alten Gemäuer. Hier wohnte der Aufseher, der die Zufahrt zum Hafen und zugleich den flußabwärts liegenden Stapelplatz für das angelandete Holz zu bewachen hatte. Kein Zufall ist es, daß sich an diesem Platz später die holzverarbeitenden Betriebe der Stadt ansiedelten.
Reste des befestigten Treidelpfades, auf dem man noch vor 40 Jahren Pferde sehen konnte, die schwer im Geschirr gehend die Kähne flußaufwärts zogen, finden sich zwischen Lüneburg und Bardowick. Dort, wo die alte Landwehr auf die Ilmenau stößt, weist ein Stein mit dem Fons-mons-pons Zeichen diesen Pfad als Lüneburger Eigentum aus, dessen Beschädigung strafbar war.
Die Baumstraße zwischen Nikolaikirche und Reichenbachstraße erinnert durch ihren Namen daran, daß an ihrer Wasserseite der Innenhafen für die Nachtzeit durch einen im Wasser schwimmenden, angeketteten Baum verschlossen wurde. Der Schlüssel für den Baum mußte abends im Hause eines Bürgermeisters abgegeben und morgens wieder abgeholt werden. Verschwunden sind die Schuppen zwischen „Warburg“ und Reichenbachstraße, vor denen 1947 — die letzte nennenswerte Nutzung des Hafens — Säcke mit Mais für die hungernde deutsche Bevölkerung gelöscht wurden. Ein eiserner Kran, dessen Demontage offenbar vergessen wurde, rostet still vor sich hin. Vorbei ist die Zeit, wo noch hin und wieder ein Kahn mit Kirschen aus den Vierlanden oder auch ein Finkenwerder Ewermit Fischen am Stintmarkt
anlegte. Der Hafen wurde zum Idyll. Der Geruch von Teer und Tran, der hier einmal in der Luft lag, ist längst dahin.
Erich Hessing